Letter 5533 — Haeckel, E. P. A. to Darwin, C. R., 12 May 1867
Summary
Thanks CD for new edition of Origin [4th ed. (1866)].
Comments on CD’s criticism of the harsh tone of Generelle Morphologie. Thinks he may have harmed himself but not the cause. Believes a radical reform of the science necessary, and since most scientists take a prejudiced view of the matter, a vigorous attack is essential.
Describes his travels in Canaries, Spain, and France.
Transcription
Jena
12. Mai 1867
Mein theurer, hochverehrter Freund!
Erst vor wenigen Tagen von meiner Reise zurückgekehrt, fand ich Ihren lieben Brief vom 12. April vor, sowie die neue Ausgabe Ihres epochemachenden Werkes.f2 Für Beide sage ich Ihnen meinen herzlichsten Dank. Leider ersehe ich aus Ihrem Briefe, dass Sie einen langen Brief nicht erhalten haben, welchen ich schon vor mehreren Monaten an Sie geschrieben hatte, und welchem auch eine Beilage an unseren Freund Huxley eingelegt war. Bei der grossen Unordnung, welche die liederliche spanische Post auf den canarischen Inseln beherrscht, kann ich mich allerdings nicht darüber wundern.f3 Dagegen habe ich Ihren ersten, nach Madeira gesandten Brief, richtig erhalten, wenn auch erst 2 Monate später, in Lanzarote.f4
Erlauben Sie nun zunächst, theurer Freund, dass ich Ihnen nochmals meinen herzlichsten Dank wiederhole für die überaus freundliche Aufnahme, die mir in Ihrem lieben Hause zu Theil wurde.f5 Jenen Tag, den ich bei Ihnen verleben durfte, und auf den ich schon so lange vorher gehofft hatte, wird mir immer unvergesslich sein.
Ich kann Ihnen nicht sagen, welche ausserordentliche Freude Sie mir gemacht haben, als Sie mir erlaubten, Sie zu besuchen, und welche grosse Satisfaction es für mich war, persönlich den Naturforscher kennen zu lernen, der als der Reformator der Descendenz Theorie und als der Entdecker der “natural Selection”, einen grösseren Einfluss auf die Richtung meiner Studien und die Thätigkeit meines Lebens gehabt hat, als alle anderen. Nochmals Ihnen und Ihrer lieben Familie meinen herzlichsten, innigsten Dank.
Hoffentlich geht es mit Ihrer Gesundheit jetzt besser, und Sie können wieder Ihre reichen Kentnisse und Ihre gedankreiche Naturbetrachtung zum Fortschritte unserer Wissenschaften verwenden. Als ich auf meiner Reise das wunderschöne Klima von Madeira und von den canarischen Inseln kennen lernte, habe ich oft gewünscht, dass Sie bei uns wären, um Ihre angegriffene Gesundheit dauernd zu befestigen. Ich selbst bin dort wieder ganz zu meiner alten Kraft gelangt und habe mich von den Anstrengungen, die mir die Arbeit der letzten Jahre auferlegte, vollständig erholt.
Dass Ihnen meine generelle Morphologie im Ganzen gefallen hat, ist mir eine sehr grosse Genugthuung, und Ihr Lob ist für meine Anstrengungen der höchste Lohn. Besonders erfreut haben mich aber Ihre aufrichtigen kritischen Anmerkungen über die Schattenseiten des Werkes, weil ich daraus ersehe, dass Sie mich der aufrichtigsten Freundschaft für würdig erachten. Gewiss ist Ihr Tadel über die allzugrosse Härte meiner kritischen Angriffe und die Bitterkeit meiner Polemik an sich sehr richtig.f6 Auch meine besten hiesigen Freunde, vor Allen Prof. Gegenbaur,f7 haben mich sehr desshalb getadelt. Ich kann zu meiner Entschuldigung nur sagen, dass ich im vorigen Sommer und Winter, als ich das Buch hier in meiner trüben Einsamkeit schrieb, ausserordentlich bitter gestimmt und nervös gereizt war. Auch hatte ich zu grossen Aerger über die unverschämten und dummen Angriffe Ihrer Gegner, als dass ich sie so ungestraft hätte können hingehen lassen. Meiner Person habe ich durch diese Haltung jedenfalls sehr geschadet, und ich bin schon von vielen Seiten nicht weniger heftig angegriffen worden. Dies ist mir aber ganz gleichgültig, da mir an dem Ansehen meiner Person und der Achtung der Zeitgenossen sehr wenig liegt. Möge meine vielen Feinde immerhin mein Werk sehr angreifen; das trägt nur zu seiner Verbreitung bei; ob sie mich dabei schelten und verläumden, ist mir ganz gleichgültig.
Sehr leid sollte es mir aber thun, wenn ich durch meine allzu harten Angriffe der guten Sache, für welche wir gemeinschaftlich kämpfen, geschadet haben sollte. Mein Freund Gegenbaur, den ich wie einen Bruder liebe, ist dieser Ansicht, und war über meine Litterarischen Extravaganzen sehr ungehalten. Auch Sie, hochverehrter Herr, scheinen diese Befürchtung zu theilen.
Ich gestehe, dass ich in diesem Punkte nicht ganz Ihrer Ansicht bin, und dass ich Ihre Sorge für etwas zu gross halte. Ihre Befürchtung würde richtig sein, wenn man vor der Majorität der heutigen Naturforscher eine selbstständige und unparteiische Haltung und eine nach beiden Seiten hin gerechte Beurtheilung zu erwarten hätte. Dies ist aber leider nicht der Fall. Vielmehr sehen wir, dass die grosse Mehrheit kein eigenes selbstständiges Urtheil, keine scharfe und klare Überzeugung von dem Rechte der Wahrheit besitzt. Und da glaube ich, ist es nothwendig, dass man laut und deutlich die Wahrheit sagt, und die Schwächen der Gegner nicht schont.
Wie ich glaube, handelt es sich jetzt bei uns um eine radikale Reform der ganzen Wissenschaft, zu welcher Sie, hochverehrter Herr, durch Ihre mechanische causale Begründung der Descendenz-Theorie den ersten Anstoss gegeben haben. Eine solche Reformation, die überall mit ungeheuern Hindernissen und Vorurtheilen zu kämpfen hat, ist aber noch niemals durch sanfte Worte und mit wohlwollender Überredung durchgekämpft worden. Vielmehr sind überall energische Angriffe und schonungslose Stösse nöthig gewesen, um das alte Gebäude der befestigten Irrthümer zu zertrümmern. Wie in jedem Kampfe, so hat auch hier der kühne Angreifer grosse Vortheile voraus, und ich habe es daher für besser gehalten, selbst schonungslos anzugreifen, als hinterher von meinen übelwollenden Gegnern überfallen zu werden.
Wenn ich sehe, wie ungerecht und falsch man so vielfältig Ihr grosses Werk beurtheilt, wie man Sie selbst verläumdet hat, so verschwindet alle meine Achtung von dem grossen Publicum der Naturforscher. Ihre ausserordentliche Bescheidenheit hat man für Schwäche, und ihre bewunderungswürdige Selbstkritik für Mangel an fester Überzeugung ausgegeben. Gewiss haben Sie bei guten, verständigen und denkenden Männern dadurch nur gewonnen. Aber leider sind diese in der Minorität. Wenn ich statt dessen die Sache weit schärfer und polemischer angefasst habe, so kann ich in der That kaum glauben, der Sache selbst auf die Dauer geschadet zu haben. Jedenfalls hoffe ich zur Verbreitung Ihrer grossen Ideen und Ihrer bahnbrechenden Reform etwas beitragen, und eine Anzahl von wichtigen, darauf bezüglichen Fragen bestimmt formulirt und auf den offenen Markt gebracht zu haben, deren offene Diskussion den Gegenstand nur fördern und die Wahrheit an das Tageslicht bringen kann. Auch ich vertraue, wie Sie, hochverehrter Herr, vor Allem auf den empfänglichen und vorurtheilsfreien Sinn der jüngeren Naturforscher, und zweifle nicht, dass wir unter der jetzt aufblühenden Generation schon eine sehr viel grössere und lebendigere Theilnahme finden werden. Schon in den wenigen Tagen, die ich wieder hier bin, habe ich dies vom Neuen empfunden. Ich habe sogleich meine Vorlesungen über die Descendenz-Theorie wieder begonnen,f8 und empfinde mit lebhaftem Vergnügen die warme, gegen früher noch gesteigerte Theilnahme, welche die < >hsame akademische Jugend unserer Sache entgegen trägt.
Ich werde übrigens in Zukunft Ihre wohlwollenden väterlichen Rathschläge, für die ich Ihnen aufrichtig danke, berücksichtigen, und werde meiner allzu eifrigen und leidenschaftlichen Feder einen strengeren Zügel anlegen. Sie erweisen mir die aufrichtigste Freundschaft theurer Herr, wenn Sie mich auch künftighin so offen auf die Fehler meiner Arbeiten aufmerksam machen.
Über meine Reise werde ich Ihnen demnächst einen gedruckten Bericht zusenden.f9 Ich war nur kurze Zeit in Madeira, nur 14 Tage in Teneriffa (wo ich den Pic bestieg)f10 aber 3 Monate in Lanzarote, wo ich vorzüglich die Entwickelung der herrlichen Siphonophoren und die atlantischen Radiolarien studirt habe.f11 Im März war ich 14 Tage in Marocco 14 Tage in Gibraltar. Die erste Hälfte April reiste ich durch Sevilla, Cordova, Granada (!) Madrid; die zweite Hälfte April benutzte ich, um die merkwürdige Exposition universelle in Paris zu studiren.f12 Meine Gesundheit war in der ganzen Zeit vortrefflich, und ich bin mit den Resultaten der Reise sehr zufrieden.
Vielleicht komme ich noch in diesem Jahre (im Herbste) nach England, und es würde mich sehr freuen, wenn ich Sie dann in besserer Gesundheit wieder sehen dürfte. Inzwischen nehmen Sie, theurer Herr, nochmals meinen herzlichsten Dank für Ihre aufrichtige Freundschaft entgegen, und die Bitte, mir dieselbe auch fernerhin zu erhalten.
Mit der Bitte, Mrs und Miss Darwinf13 meine ehrerbietigste Empfehlung zu sagen, von Herzen Ihr treu ergebener | Ernst Haeckel
Footnotes
- f1
- For a translation of this letter, see Correspondence vol. 15, Appendix I.
- f2
- Haeckel had spent from November 1866 to March 1867 travelling and doing research on Tenerife and Lanzarote; he also visited Morocco, Portugal, and the Spanish mainland (see Haeckel 1867). Haeckel also refers to the letter from CD of 12 April [1867], and the fourth edition of Origin. Haeckel’s name appears on the presentation list for this book (see Correspondence vol. 14, Appendix IV).
- f3
- Neither the letter to CD nor the letter to Thomas Henry Huxley has been found. For transcripts of the extant correspondence between Haeckel and Huxley, see Uschmann and Jahn 1959–60. Haeckel wrote to Huxley on 12 May 1867 (Uschmann and Jahn 1959–60, pp. 11–12; the letter is at the Imperial College of Science and Technology), mentioning the enclosure to the letter to CD that went astray. The Canary Islands, which include Tenerife and Lanzarote, are governed by Spain (EB).
- f4
- Haeckel presumably refers to the letter from CD of 8 January 1867.
- f5
- Haeckel had visited CD at Down House in October 1866 (see Correspondence vol. 14). On their meeting, see also A. Desmond and Moore 1991, pp. 539–40.
- f6
- See letter to Ernst Haeckel, 12 April [1867] and n. 6.
- f7
- Carl Gegenbaur.
- f8
- Haeckel gave lectures on CD’s theory of descent both to students at Jena University and to the general public, but these seem to have been given in the winter (see Uschmann 1959, p. 45; see also Correspondence vol. 14, letter from Ernst Haeckel, 11 January 1866 and n. 14). His lectures given in the winter of 1867 to 1868 were published as Haeckel 1868 (see Uschmann 1959, p. 45), which was translated as Haeckel 1876.
- f9
- Haeckel sent a preliminary report on his travels to CD with his letter of 28 June 1867; this report has not been found in the Darwin Archive–CUL. A report was also published on 12 September 1867 in the Jenaische Zeitschrift für Medicin und Naturwissenschaft (Haeckel 1867).
- f10
- The highest point of the Pico de Teide on Tenerife is 3770 m (Times atlas). For Haeckel’s account of the climb, see Uschmann 1984, pp. 92–6.
- f11
- Haeckel published his research on siphonophores in 1869 (Haeckel 1869).
- f12
- See also letter from J. D. Hooker, 13 April 1867.
- f13
- Emma and Henrietta Emma Darwin.







