Letter icon
Letter 6602

Hartsen, F. A. von to Darwin, C. R.

5 Feb 1869

    Summary Add

  • +

    Believes that species or genus may have originated more than once from separate ancestors, i.e., polyphyletically.

  • +

    Discusses relation of CD's theory to religion. Has written popular account of CD's theory in Dutch [Darwin en de Godsdienst (1869)].

Transcription

Cannes

5 Febr—1869

Herrn Charles Darwin Hochwohlgeboren.

Hochgeehrter Herr

Ich würde mir nicht unterstehen, Eu Hw. wieder zu schreiben, wäre es nicht aus herzlichem Interesse zu Ihrer Forschungen, und zur Wissenschaft überhaupt.

Es ist gegen Ihre Theorien Manches eingewandt worden. Nun scheint es mir dass die meisten Gegner dieser Theorien derselben viel zu schwere Anforderungen stellen. Darum ist m E. zur Apologie der Theorien nöthig, von vornherein dieses zuzugestehen,: es ist in den meisten Fällen ganz unmöglich, zu beweisen dass die sämmtlichen Individuen einer Gruppe einen gemeinschaftlichen Urheber gehabt haben. M. E kann man in den meisten Fallen nicht weiter gehen als, zu beweisen dass solches nicht ungereimt sein würde.

Ich sage, es sei selten möglich zu beweisen dass die Individuen einer natürlichen Gruppe einen gemeinschaftlichen Urahn gehabt haben. Was ich meine ist Folgendes. Ist es möglich dass ein Naturvorgang durch natural selection aus einen einfachen Organismus eine gewisse Gruppe höherer Organismen bildet, so lässt sich nicht einsehen warum dieses nur auf einem Puncte der Erde geshehen soll. Ich kann mir, zum Beispiel, vorstellen dass in Ostindien aus einer sehr einfachen Pflanze allmählig Palmen enstanden sind, und dass in Süd-Amerika, ganz unabhängig davon, ebenfalls aus einer sehr einfachen Pflanze Palmen entstanden sind. Kurz, ich kann mir denken dass auf 2, 3 ja mehrere Puncte der Erde, dasselbe Genus, ja vielleicht dieselbe Species, aus dem Anorganischen Reiche hervorgegangen ist.

Nach Ihrer Theorie also lässt sich m E sehr wohl annehmen dass diese oder jene Gruppe von Organisme nicht Eins, sondern mehrere Centra des Ursprungs gehabt hat. Es würde also die Theorie ihren Werth behalten, wäre es sogar dass die Individuen einer Gruppe, aus geographischen Gründen, unmöglich einen gemeinschaftlichen Ursprung gehabt haben könnten. Ueberhaupt kann ich mir denken dass die anorganische Masse auf mehreren Puncten der Erde lebendige Wesen hervorgebracht hat und dass diese Wesen sich auf mehreren Puncten auf ähnliche Weise weitergebildet haben, so dass z B. die Schnecken Englands einen anderen Ursprung wie die Schnecken Amerikas haben.

Diese Bemerkung schien mir vielleicht zur Entkräftung geographischer Einwände gegen Ihre Lehre nicht ungeeignet zu sein. Daher dass ich so frei bin, sie Ihnen mit zu theilen.—

``Carl Vogt'' hat in Holland Vorlesungen gehalten und darin Ihre Theorien mit seinem Materialismus verwebt. Manche Leute sind dadurch veranlasst zur Ansicht dass Materialismus und Atheismus das letzte Wort des Darwinismus ist. Ich habe nun eine populäre Darstellung Ihrer Lehren verfasst, und dabei gezeigt dass dieselben über die Hauptfragen der Religion gar nichts entscheiden. Es ist aber nicht warscheinlich dass Eu Hw Holländisch lesen, daher Holländische Schriften für Sie wenig Interesse haben dürften.—

Prof. Fechner schreibt mir dass ein Dr. Pfaff Ihre Ansichten critisirt hat. Ich hoffe die Schrift von Pfaff zu lesen, lege aber auf Einwände von Deutscher Seite wenig werth, weil dieselben meistens aus Vorurtheil stammen. Nur bedauere ich dass wir nicht wissen wie das Organische Leben auf anderen Sternen entsteht. Eine vergleichende ``Organismogenie'' wäre sehr schätzbar! Vielleicht kommen wir noch einmal dazu!

Herr Traherne Moggridge geht glücklich besser. Er ist ein sehr enthousiastischer Discipel von Ihnen!

Und hiermit danke ich ergebenst für die freundliche Zuschrift mit welcher Sie, nach Veranlassung meines Essay's mich beehrt haben. Hatte ich gewusst dass Sie mir eine so ausführliche Antwort zugedacht hatten, ich würde vielleicht nicht den Muth gehabt haben, Ihnen meine Schrift zu übersenden. Mit herzlichen Wünschen für Ihr Wohlsein erlebe ich | Hochgeehrter Herr | Ihr Hochw. ergebenster | F. A. v. Hartsen

    Footnotes Add

  • +
    f1 06602.f1
    For a translation of this letter, see Appendix I.
  • +
    f2 06602.f2
    See Correspondence vol. 16, letter from F. A. von Hartsen, 5 January 1868. The abbreviation `Eu Hw.' is not standard, but Hartsen evidently intended `Eure Hochwohlgeboren'.
  • +
    f3 06602.f3
    In Origin, p. 351, CD had argued that species of the same genus, although widely separated geographically, must originally have proceeded from the same source, as they had descended from the same progenitor. He then discussed geographical distribution and the means of dispersal of species to new locations (see Origin, pp. 356--410). In subsequent editions of Origin, CD added material to counter objections to his theory based on difficulties associated with dispersal.
  • +
    f4 06602.f4
    For more on Vogt's popular lectures of 1868 and 1869, see Kockerbeck ed. 1999, pp. 23--4.
  • +
    f5 06602.f5
    Hartsen refers to his book, Darwin en de Godsdienst (Darwin and religion; Hartsen 1869).
  • +
    f6 06602.f6
    Hartsen refers to Gustav Theodor Fechner and Friedrich Pfaff.
  • +
    f7 06602.f7
    In his book, Die neuesten Forschungen und Theorien auf dem Gebiete der Schöpfungsgeschichte (Latest research and theories on the history of creation; Pfaff 1868), Pfaff argued that CD's theory was untenable in the light of geological findings.
  • +
    f8 06602.f8
    Hartsen refers to John Traherne Moggridge. In his letter of 5 January 1868 (Correspondence vol. 16), Hartsen had mentioned that Moggridge's health was bad.
  • +
    f9 06602.f9
    CD's reply to Hartsen's letter of 5 January 1868 (Correspondence vol. 16) has not been found.
Maximized view Print letter